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[Tabletop] Eine vage Empfehlung für ASL

Manchmal kommen überraschend gute Spiele aus Richtungen, aus denen man sie am wenigsten erwartet. So wie SWN mich als DnD-H4t3r enorm positiv überraschen konnte. Zu Advanced Squad Leader, meiner neuen Zeitversenkungsstrategie, einem squadbasiertem (duh) WWII-Wargame mit Hexfeldern und Papiercountern brachte mich die Suche nach einen Spiel mit Hexfeldern und Papiercountern (nein, das war noch nicht die Überraschung). Als mittlerweile halbwegs erfahrener BattleTechler fing ich irgendwann im November an, mich nach neuen Spielen umzusehen, da BattleTech mir irgendwann dann doch zu monoton wurde. Vorgabe war dabei ein Hex&Counter-System, da ich zum einen nicht bereit bin, haufenweise Figuren zu sammeln und zu bemalen, erst recht nicht, wenn mehr Ausgaben für Spielmaterial auch noch die Gewinnchancen verbessern, und da ich zum Anderen Systemen mit Maßbändern so gar nichts abgewinnen kann. Wirklich gar nichts. Dass ich einmal vier Stunden in den Versuch versenkt habe, irgendwo in Dresden ein Maßband mit Zolleinteilung zu kaufen, trägt zu diesem Gemütsgang sicherlich bei, ist aber nicht alleinig ausschlaggebend.

Von ASL habe ich zwar schon mal gehört (dem einen oder anderen Rollenspieler mag es ähnlich gehen, man hört den Namen gelegentlich mal, gerade in der englischsprachigen Szene), aber eher in negativen Kontexten. Zu kompliziert, zu hohe Realismusambitionen, furchtbarer Aküfi. Als nebenberuflicher DSA-Hasser klang das für mich nach der Sorte Spiel, mit der ich so gar nichts anfangen kann.

Daher begann ich meine Suche nach einem Hex&Counter-Wargame explizit mit den Kriterien “Hat eine halbwegs große Szene in Deutschland” und “Ist nicht ASL”, nur um folgendes festzustellen: Keine Sau in Deutschland spielt Hex&Counter und… irgendwie führen an ASL nicht so ganz viele Wege vorbei, gerade wenn man eigentlich am Liebsten bodenständige Gefechte im zweiten Weltkrieg auf der von BattleTech gewohnten recht niedrigen Ebene hätte. Trotzdem war ich mir sicher, ASL auf keinen Fall spielen zu wollen.

Einen Gilligan Cut später habe ich gut zehn Partien mit dem ASL-Starterkit hinter mir, verstehe Infanterie- und Fahrzeugregeln grundsätzlich und kann mit dem Anfängerregelbuch halbwegs umgehen – und finde das Spiel absolut genial. Warum?

ASL kann viel.

Retaking Vierville

Szenario S1 „Retaking Vierville“: Die 101st Airborne Division hat einen eher anstrengenden Tag.

Ja, ein Regelbuch, das als Aktenordner ausgeliefert wird, wirkt auf den ersten Blick abschreckend. Aber: Schon das 28seitige Regelwerk, das dem Starter Kit Expansion Pack #1 (das entgegen dem Namen ein vollständiges Spiel und auch für totale Neulinge geeignet ist) beiliegt, hat eine enorme Spieltiefe – schon mit den drei Starter Kits kann man vermutlich jahrelang Spaß haben, erst recht, wenn man nicht vor Eigenbauszenarien zurückschreckt. Demoralisierte und umzingelte Truppen ergeben sich und der Spieler muss hilflos zugucken, kaputtifizierte Panzer bieten der Infanterie Deckung, funktionierende Panzer erst recht, Trupps können nicht nur durch verlorene Soldaten geschwächt werden, sondern auch, wenn sie in Panik verfallen, es fliegen Rauchgranaten, Bazookas, Panzerfäuste und Panzerschrecks, und militärhistorisch weniger bewanderte Spieler wie meinereiner lernen Fahrzeuge wie das OA vz 30 (t) oder das Semovente M43 105/25 kennen.

Dafür kann man dann auch über Sätze wie “An RST MA AFV is considered a ST MA AFV for TH DRMs except that it cannot fire its MA/CMG while the AFV is Crew Exposed (CE)” großzügig hinwegblicken.

ASL erzählt Geschichten.

ASL arbeitet mit Szenarien – jedes davon hat eine völlig andere Dynamik und es geht nie einfach nur darum, den Gegner zu vernichten, sondern darum, in einer bestimmten Zeit vorgegebene Gebäude erobern, gegnerische Artilleriegeschütze auszuschalten, eine bestimmte Anzahl von Trupps über das Spielfeld schicken. Keine zwei Szenarien sind gleich.

Dieser Verzicht auf bloße Vernichtung gegnerischer Spielfiguren führt in Kombination mit dem enorm realistischen und abwechslungsreichen Spielgefühl zu einer Beobachtung, die man in sehr vielen Lobpreisungen von ASL liest: ASL erzählt Geschichten. ASL ist, um mich rollenspieltheoretischer Begriffe zu bedienen, so ungamistisch, wie das nur irgendwie möglich ist. Alles, was auf dem Brett und an den Würfeln passiert, kann mit ein wenig Phantasie auf Elemente der Fiktion umgemünzt werden. Bei BattleTech ist es mir kaum einmal passiert, dass ich beim Spiel Bilder der Action vor Kopf hatte, bei ASL passiert das doch ein wenig öfter.

ASL ist nicht schlimm, nur schlimm geschrieben.

Was mich nach meinen ersten Recherchen von ASL abgeschreckt hatte, war die Schreibweise von Regelwerken. Jedes Zitat der Regelwerke und jede Diskussion über Regeltexte ist massiv von Abkürzungen, Querverweisen et cetera durchsetzt. Alleine die Seite, die ich derzeit offen liegen habe, enthält in einer ihrer drei Spalten folgende Abkürzungen (mit Wiederholungen): MPh, MF, MP, MPh, MP, VCA, DC, FFNAM, DRM, FFMO, DRM, FFMO DRM, LOS, LOS, FP, MG, MPh, LOS, MG, B#, IFT DR, B#, MA, IFE, FPF, MPh; FPF, FP, PBF, IFT DR, DRM, NMC, FPF, FPF, MF/MP, FPF, FP, MG, IFE, FG, FPF, FPF, MPh. Wenn man diese Abkürzungen erst einmal kennt (und ich könnte mittlerweile jede davon aus dem Stegreif benennen), sind sie kein Problem mehr – die Erstlektüre wird dadurch aber sehr erschwert.

Auch die tatsächliche Logik der Regeln erschließt sich eigentlich erst, wenn man einmal damit gespielt hat. Wenn man das Grundgerüst aber einmal verstanden hat, dann muss man eigentlich nur noch gelegentlich mal nachfragen oder nachschlagen – und zum Nachschlagen ist das Regelwerk dann auf einmal gut geeignet. Ob das in ASL mit allem und scharf genauso aussieht wie im ASL-Starterkit, kann ich noch nicht sagen, ich bin aber recht zuversichtlich. Aber selbst wenn nicht: Schon die Starterkits bieten mehr Abwechslung und Tiefe als man sich wünschen kann.

Ausprobieren!

Aufgrund meiner bisherigen Eindrücke kann ich ASL jedem empfehlen, der kein Problem mit eher komplexen Regeln hat, nach einem Tabletop / Wargame für häufiges Spiel sucht, keine Angst vor der englischen Sprache hat (!) und mit Miniaturen genauso wenig anfangen kann wie ich. Auf BoardGameGeek findet man auch nette Leute, die Anfängern gerne ins Spiel helfen, und Onlinespiel ist mit dem Tandem VASSAL/VASL sowohl für Echtzeitpartien als auch für PBEM gut unterstützt (auch für Linux und Mac).

Wer eher Gelegenheitsspieler ist, wird mit ASL vermutlich keinen Spaß haben.

Die Nachteile

Ein paar Wermutstropfen gibt es dann doch, und für mich ist da insbesondere die deutsche Szene zu nennen, die meinem Eindruck nach doch sehr klein ist (auch wenn ich mich da gerne eines Besseren belehren lasse). Einige andere Kritikpunkte sind ja bereits angeklungen: die Lernkurve ist ohne einen erfahrenen Spieler, der einen an das Spiel heranführt, enorm steil, das Regelwerk ist für Erstlektüre furchtbar geschrieben. Noch dazu sind auch die Spielmaterialien (Pläne und Figuren) ziemlich fisselig und teilweise schlecht lesbar – wenn man virtuell spielt, lässt sich dieser Nachteil natürlich negieren; wenn man BattleTech-Figuren gewohnt ist, ist die Umstellung aber eben doch spürbar.

Trotzdem: Mein bisheriges Gesamtbild ist enorm positiv und ich hatte schon lange mit keinem anderen Brettspiel so viel Spaß wie mit ASL.

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