Weg mit Railroading, hin zu Meaningful Play

Eine einfache Maßeinheit für die Qualität einer Rollenspielrunde ist, wie viel Railroading sie enthält. Richtig? Falsch!

Im (leider nicht extern verlinkbaren) Nerdpol wird gerade wegen eines kurzen Einführungsbeitrag von Callisto mal wieder die altbekannte Diskussion zu Railroading, Partizipationismus (nicht benötigte Silben bitte streichen), Sandboxing, Freiheit und den ganzen Buzzwords.

Darf ich mal ganz ehrlich sein? Diese Begriffe sind zwar grundsätzlich nützlich – aber die Art, wie sie in der Debatte genutzt werden, führt dazu, dass wir als Szene seit Jahren am Problem vorbei diskutieren!

Worum es eigentlich gehen sollte, ist: Meaningful Play. Meaningful Play definiert sich als die Möglichkeit der Spieler, Entscheidungen zu treffen, die innerhalb des Spiels erkennbare und relevante Auswirkungen haben. Je mehr dieser Entscheidungen es gibt und je vielfältiger sie sind, desto höher ist die Spieltiefe. Spieltiefe ist gut. Meaningful Play ist gut. Spiel mit zu wenig Meaningful Play ist langweilig.

Es gibt aber dutzende Arten, Meaningful Play zu erreichen, und absolute Freiheit gehört nicht dazu. Die Spieler können tun und lassen, was sie wollen, ohne dass es Konsequenzen hat? Kein Meaningful Play, schließlich haben die Entscheidungen keinerlei Relevanz! Die Spieler können tun und lassen, was sie wollen, es hat Konsequenzen, die sind aber vorher nicht absehbar? Kein Meaningful Play, schließlich können die Spieler auch gleich eine Münze werfen. Die Spieler werden mit komplexen Entscheidungen konfrontiert und können diese treffen, wie sie wollen – aber jede Möglichkeit, auch einfach wegrennen, hat gute wie schlechte Auswirkungen? Das ist Meaningful Play und das ist die Essenz der guten Sandbox.

Aber natürlich können auch andere Spielstile Meaningful Play erreichen. Selbst die simple Szenenfolge “Charaktere kriegen Auftrag –> Charaktere forschen durch drei Szenen nach Hinweisen auf Aufenthalt des Bösewichts –> Charaktere verhauen Bösewicht” mit massivem Railroading kann Meaningful Play bieten – nämlich in den einzelnen Szenen, wo die SCs erst gute Bedingungen aushandeln, dann dabei, wo und wie sie nachforschen, wie sie mit Zeugen umgehen und wie sie die Hinweise zusammenpuzzeln und dann in der Taktik im Kampf mit dem Bösewicht und seinen Minions. Die Betonung liegt aber auf “kann” – wenn auch die einzelnen Szenen voll von Bevormundung sind, kann natürlich kein Meaningful Play zustande kommen.

Grundsätzlich ist aber eine Betrachtung mit “viel Freiheit” vs. “wenig Freiheit” um Größenordnungen zu einfach, und wir sollten von der Frage weg kommen, ob mehr oder weniger Freiheit besser ist. Stattdessen sollten wir uns fragen, an welchen Stellen System X oder Abenteuer Y oder der Stil von Spielleiter Z (wobei Spielleiter Z bevorzugt man selber ist) Meaningful Play bietet und ob das die Stellen sind, an denen die Spieler Meaningful Play erwarten.

[Fachbegriffe werden im Sinne von “Rules of Play – Game Design Fundamentals” (Katie Salen, Eric Zimmerman) benutzt. Die Thematik dieses Blogposts und eventuell auch einiger folgender Beiträge ist stark von meiner Lektüre dieses Buchs geprägt.]

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Über Taschi

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10 responses to “Weg mit Railroading, hin zu Meaningful Play

  • Sven Lotz

    Jetzt wird hier mal nicht konstruktiv. Bei den ganzen Diskussionen geht es doch nur darum zu zeigen, wer den längeren hat.

  • dolge

    Hmm. Braucht es dafür einen englischen Fachbegriff oder fände sich auch ein griffiger deutscher Begriff, der eventuell sogar selbsterklärend ist?

    Railroading ist ja mittlerweile einfach eine totale Keule geworden, man schwingt ja nicht nur den Begriff, sondern eine ganze Kette von Geschmäckern und Befindlichkeiten, die da mit reinspielen und quasi sämtliche Diskussionen, die man zum Thema je geführt hat. Mittlerweile ist „Railroading“ einfach so labberig und durchgekauf wie ein altes Hundespielzeug und ich will es ehrlich gesagt auch nicht mehr anfassen. Das Tolle wiederum: Jeder kann sich etwas darunter vorstellen. Auch wenn es bei jedem etwas anderes ist…

    Ansonsten stimme ich insofern zu, dass Meaningful Play auch eines der Ideale ist, die ich im Rollenspiel anstrebe. Ich kann mir aber vorstellen, dass es auch viele viele Runden gibt, die völlig ohne solches bestens klarkommen.

    • taschenschieber

      Ich würde als deutschen Begriff „Bedeutsames Spiel“ oder „Relevantes Spiel“ oder so was vorschlagen.

      • dolge

        Jetzt müsste sich noch jemand aufmachen, Werbung für diesen Begriff in Foren etc. zu machen. „Ergebnisoffenheit“ ist ja auch schon gesetzt, beißt sich aber, anders als Meaningful play, schon ein bisschen mit Partizipationismus. Vielleicht verhülfe dieser Ansatz dem Spiel innerhalb eines gegebenen Plots auch zu etwas mehr Akzeptanz UND mehr Qualität.

      • taschenschieber

        Im Nerdpol scheine ich die Debatte mit diesem Beitrag schon getötet zu haben 🙂

    • Captain

      Bedeutungsvoll spielen könnte man sicher auch nehmen.

      Was mir besonders an dem Gedanken gefällt ist die Tatsache, daß es ein Ziel ist und kein Vermeider-Ansatz. Die meisten Kampfbegriffe zielen ja eher darauf an, etwas anzuprangern, was vermieden werden sollte. Also etwas von dem man dem Begriff zu Folge weg will ,ohne zu wissen wo es statt dessen hin gehen soll.
      Dies hier hingegen ist etwas auf das man hinarbeiten kann (oder man läßt es, wenn man nix von hält).

      Ich halte das, was der Taschenschieber hier ausführt für einen verdammt interessanten Gedankengang.

  • greifenklaue

    Ja, ich schreib ja auch immer gern, dass Nicht-Sandbox-Abenteuer ergebnisoffen gespielt werden können, aber das trifft es noch mehr den Punkt.

  • Anonymous

    Ich kopiere hier einfach mal meinen Nerdpol Beitrag. Ich glaub übrigens nicht, dass du damit die Diskussion dort getötet hast. Die Leute klicken halt wenig auf Externes dort, erst recht wenn man im Beitrag noch schreibt, dass man eine Antwort zu seinem Blogartikel vorrangig hier und nicht im Forum haben möchte.
    Sonst braucht es halt seine Zeit, bis man Externes mal soweit durchforstet hat und dann seine Gedanken sammelt. Geht zumindest mir so… 😀

    Aber nun zu meine 2 Cents, wo ich den Gro der Antworten hier einfach mal zustimmen muss, besonders dolges Posts fand ich hier sehr gut!

    “ Ich finde deinen Artikel auch schön, kurz und knapp.
    Allerdings sehe ich nicht wo wir bisher am KERN vorbeigeredet haben.
    Den neuen Begriff Meaningful Play führst du quasi ein, was ich schön finde, da der doch schön, das beschreibt, was ich in ellenlangen Passagen beschrieben habe bisher.

    Ich bin mir aber nicht sicher ob man NOCH mehr Fachbegriffe braucht.
    Railroading, Sandbox, Meaningful Play…

    Njo.,.. für die Debatte sind sie gut, aber ich schiele immer auch mit einer Augenbraue in Richtung Anfänger und würde die Fachbegriffe eigentlich da eher reduzieren, statt erweitern.

    Zweite Sache: Warum wieder ein Englischer Begriff? Klingt jetzt doof… aber warum verwenden wir für unsere Sachen immer Englische Begriffe? Klingt es cooler, beschriebt es besser?… Hmm.. stört mich momentan ein wenig.

    Ich finde mit deinem Meaninful Play beschreibst du genau die Proioritätensetzung, die ich hier auch immer propagiere, nämlich den Spaß der Gruppe zu treffen.“

    • taschenschieber

      Ach dammit, jetzt hatte ich dir schon drüben bei den Nerdpolizisten geantwortet. Egal, das Internet hat genug Platz für ein paar Crossposts. 🙂 Ist eh besser so – dann ist meine „Quellenangabe“ auch hier nochmal vertreten. Die habe ich nämlich im Blogpost völlig vergessen. 🙂

      Meaningful Play ist ein Begriff, der in der Spieldesigntheorie (außerhalb der Rollenspielbranche) ziemlich stark verbreitet ist. Ich stütze mich in meiner Argumentation da vor allem auf „Rules of Play – Game Design Fundamentals“ (Katie Salen, Eric Zimmerman). Die spärliche Fachliteratur zu diesem Thema ist nun mal auf Englisch. Du kannst aber auch gerne „Bedeutsames Spielen“ sagen, wenn dir das hilft.

      Zur Verständlichkeit für Anfänger: Ich wollte mit diesem Post eine Debatte anstoßen (und nach dem Feedback auf G+ und in meinem Blog denke ich auch, dass mir das geglückt ist). Dafür wäre es kontraproduktiv gewesen, den Beitrag so weit „runterzudummen“, dass ihn wirklich jeder Anfänger versteht. Rollenspiel, Spielleitung, Spieldesign und Stilfindung ist ein komplexer Themenbereich, und denen kann man sich nicht nähern, ohne auch Begrifflichkeiten zu nutzen, die dieser Komplexität gerecht werden. Das Konzept „Meaningful Play“ ist nun mal der Kern meiner These – kannst du dir vorstellen, was für ein Chaos mein Beitrag wäre, wenn ich keinen Begriff dafür nutzen würde, sondern ihn einfach jedes Mal umschreiben müsste? Er wäre nicht ansatzweise einsteigerfreundlicher, nur würden Leute, die etwas mehr im Thema drinstecken, auch nichts mehr verstehen.

      Natürlich kann man diese Idee dann auch irgendwann mal einsteigerfreundlich formulieren. Erstmal möchte ich aber – noch mal – eine Debatte, um zu prüfen, ob ich mir da kompletten Bullshit aus den Fingern gesaugt habe, ob dieser Betrachtung noch etwas hinzuzufügen ist oder ob sie Lücken hat oder über das Ziel hinausschießt. Diese Debatte soll nicht anfängerfreundlich sein, sondern sie soll Ergebnisse bringen. Die kann dann jeder für sich interpretieren, weiterverarbeiten und in vereinfachter Form an Anfänger weitergeben.

      Und Worte braucht man nun mal, wenn man über die Dinge, die sie bezeichnen, reden will. Wie würdest du Railroading nennen? Oder Sandboxing? Oder Meaningful Play?

      Ein letztes noch: Meaningful Play heißt eben nicht „Das tun, was allen Spaß macht“. Meaningful Play kann so vielfältige Formen annehmen, dass man trotzdem Mitspieler massivst anpissen kann. Das Thema „Verständigung und Gruppenvertrag“ ist ein ganz anderes Faß.

    • taschenschieber

      Eine Kleinigkeit möchte ich dann auch noch anmerken: Ich antworte auch gerne im Nerdpol auf jedes Feedback. Leider ist dieses Forum aber nicht öffentlich einsehbar, und ich fände es schade, wenn diese Diskussion in öffentliche und nichtöffentliche Teile zerfasert. Wenn der Pol öffentlich wäre, hätte ich den Thread sogar hier verlinkt, damit volle Übersicht herrscht.

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